Von Andrea Lazarev/April 2018

Vortrag von Andrea Lazarev zum 26. Treffen der Interessengemeinschaft niedergelassener Neurochirurgen in Deutschland e.V. in Bad Münstereifel im Historischen Kurhaus
Samstag, 14.4.18  10.00 bis 10.30 Uhr

Krankengymnastische Behandlungskonzepte bei Bandscheibenvorfall und Stenose

Sehr geehrte Ärztinnen und Ärzte, liebe Veranstalter,

ich freue mich sehr und bedanke mich, dass ich heute bei Ihnen sein darf.

Andrea Lazarev ist mein Name, ich bin seit über 30 Jahren Physiotherapeutin und habe seit 1991 eine physiotherapeutische Praxis in Bonn, mit nunmehr ca. 50 Mitarbeitern.

Zunächst möchte ich Ihnen meine Bewunderung aussprechen: Denn Ihr Beruf verhindert, dass Menschen zum, wie man es früher nannte, Krüppel werden. Sie schaffen es, dass Menschen weiterhin ihr Leben genießen können und dass viele tausend Menschen weiterhin ihren Berufen nachgehen können, dadurch ihre finanzielle Unabhängigkeit und den Sinn im Leben behalten.

Wir Physiotherapeuten behandeln Patienten, die zuvor zur Untersuchung bei Ihnen in der Praxis waren und entweder die gute Nachricht erhalten: „Sie müssen nicht operiert werden, ich schreibe Ihnen ein Rezept für PT auf.“

Oder die Menschen werden von Ihnen kunstvoll und erfolgreich operiert und danach von uns PTs behandelt, um so rasch wie möglich ihr normales Leben fortsetzen zu können.

Für unsere Behandlung gibt es mehrere Säulen:

Passiv.
Assistiv.
Aktiv.
ADL.  (Activities of daily life) Ernährung u. Bewegung.
Richtiges Sitzen.

Passiv   Die passive Therapie besteht darin, dass wir die Menschen manuell behandeln, um betroffene Strukturen von Engpässen oder Belastungssituationen zu befreien.

Wichtig ist es, die Schonhaltung, die ein Mensch aufgrund von Schmerzen eingenommen hat, zu durchbrechen, um eine weitere Verhärtung und somit Verengung der Regionen zu verhindern.

Ein nachhaltiges, mechanisches Lösen von Muskelverspannungen führt häufig dazu, dass die Patienten nach jeder Physiotherapiesitzung   eine Besserung verspüren, die dann auch zur stufenweisen Befreiung der Beschwerden führt.

Eine manuelle Entlastung des Nervs bedeutet auf der Stelle Linderung.
Ebenso die Behandlung im Schlingentisch zeigt sofortige entlastende Wirkung.

Assistiv  bedeutet, dass der Patient nun schon mit den helfenden Händen nach exakten Ansagen des PTs bestimmte Bewegungen umsetzt und so die für den Körper günstigere Haltung zurückerlangt.
Die neue biomechanisch günstigere Haltung muss muskulär abgesichert werden, um dauerhaft schmerzfrei zu sein.

Aktiv soll der Patient danach Übungen erlernen, die er zunächst mit genauen Ansagen des PTs durchführt, anschließend dann im Idealfall allein zu Hause wiederholt und möglichst beibehält.

Denn häufig ist es so, dass Menschen bei der Arbeit oder im Alltag bestimmten Belastungssituationen ausgesetzt sind, die zu einer repetitiven Schädigung von körpereigenen Strukturen führen.

Gerade hier sind Übungen wichtig, um den wiederkehrenden Pattern durch Berufs- und Alltagsbelastungen entgegenzuwirken.

Denken Sie beispielsweise an eine junge Mutter, die ihr Kind immer nur auf der einen Seite wiegt, Kopf an ihrem Herzen, der Muskeltonus baut sich auf und sorgt dann für knöcherne, bindegewebige und muskuläre Engpässe.

ADL bedeutet, dass wir die Patienten genau beraten, indem wir ihre Tagesbelastungen analysieren und hier gemeinsame Lösungen finden, um Einseitigkeit aufzuheben.

Für die wiegende Mutter bedeutet das ganz einfach: Kindskopf auf ihre rechte Seite nehmen, und dann von mal zu mal abwechseln.

Eine Sekretärin, die links ständig den Telefonhörer einklemmt und die Schulter stark hochzieht, weil sie mit rechts schreiben muss und noch die Computertastatur bedienen muss, kann schnell und unkompliziert von einem Headset profitieren.

 

ADL bedeutet auch, dass wir den Patienten Allgemeinwissen vermitteln. Beispielsweise über eine vitalstoffreiche Ernährung. Hier insbesondere die positive Wirkung von Vitamin C auf die Elastizität des Binde- und Stützgewebes (siehe die extreme Auswirkung  des Vit C Mangels durch herabgesetzte Gewebeelastizität bei Skorbut) und die Gefahren durch Rauchen und zuckerreiche Kost mit der Wirkung von gravierendem Mineralstoffmangel, der sich fatalerweise erst nach Jahren z.B. in Form eines Bandscheibenvorfalls zeigt, der dann jedoch nicht mit den wahren Ursachen in Verbindung gebracht wird, sondern häufig als „Pech gehabt“ erklärt wird.

Viele Operationen, die Sie durchführen, werden aufgrund schlechter Sitzhaltungen und damit verbundenen Dauerschädigungen des Binde- und Stützgewebes erklärbar sein.

Stundenlanges Sitzen in einer Position führt zu gravierendem Nährstoffmangel in den Bandscheiben.

Schon vor 30 Jahren lernte ich den Sattelstuhl als Sitzmöbel kennen. Der Sattel hat eine konkav-konvexe Oberfläche, unser Becken samt Oberschenkeln hat ebenfalls eine konvex-konkave Form.

Diese beiden Formen passen exakt wie zwei Puzzleteile ineinander und dies ermöglicht, dass unser Becken auch im Sitzen so aufgerichtet wie im Stand ist.

Auf einem herkömmlichen Stuhl fällt unser Becken durch den Zug der Ischiokrulralen Muskulatur nach hinten, das können wir an der Hosennaht seitlich sehen. Auf dem Sattel hingegen ist diese Naht so senkrecht, wie auch im Stand.

Dadurch können die natürlichen Kurven der Wirbelsäule auch im Sitzen mit Leichtigkeit aufrecht erhalten werden. Die Rotation und Seitneigung der Wirbelsäule ist komplett frei.

Von dem Sattelstuhl bin ich so überzeugt, dass ich damit schon ca 1000 Menschen zu einem belastungsfreien Sitzen verholfen habe.

Wir handhaben es so, dass unsere Patienten, wir betreuen ca 1500 Menschen pro Woche, in meinen Praxen die passende Sattelform für sich auswählen und dann den Sattel eine Woche am Arbeitsplatz  testen, damit sie sehen, wie er  hilft.

Dann entscheidet sich, ob der Arbeitgeber den Sattelstuhl finanziert oder der Patient selbst in 10 Raten à 30  € den Stuhl für sich erwirbt.

Die Erfahrung zeigt, dass ADL ein unerlässlicher Bestandteil unserer physiotherapeutischen Behandlung ist, um dauerhaft einer weiteren Schädigung der Gewebe vorzubeugen. So ist der kurative Ansatz unmittelbar mit der Prävention verbunden.

Für Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit danke ich Ihnen sehr und wünsche Ihnen von Herzen weiterhin viel Freude an Ihrer so kostbaren Arbeit.